Die Lücke zwischen HR und Betriebsrat – Wie clarait mit BRbase und HRflows eine Nische der Mitbestimmung besetzt

Ein Gespräch mit Mitgründer Thilo Haase.

Jede Einstellung, jede Versetzung, jede Umgruppierung, jede Kündigung muss in Unternehmen mit Betriebsrat durch ein unabhängiges Gremium. Die großen HR-Suiten von SAP über Personio bis Workday und Oracle enden genau an dieser Stelle.

Das Leipziger Start-up clarait füllt diese Lücke. Wir haben mit Mitgründer Thilo Haase darüber gesprochen, welches Problem das Unternehmen löst, warum es sich ausdrücklich nicht als ein weiteres HR-Tool versteht und wohin die Reise in den kommenden Jahren gehen soll

Ein HR-Problem mit rechtlichem Tiefgang

Im Kern löst clarait ein HR-Problem, sagt Haase. So gut wie jede Personalmaßnahme in einem Unternehmen mit Betriebsrat braucht dessen Beteiligung. Für die Personalabteilung sei das Ballast neben der eigentlichen Tätigkeit – Bürokratie, die stark rechtlich geprägt ist. Das Betriebsverfassungsgesetz macht klare Vorgaben dazu, wie der Mitbestimmungsprozess abzulaufen hat. Die Vorgaben reichen tief in die internen Prozesse der Gremien hinein. Wie der Betriebsrat sich organisiert, wie er einlädt, wie er nachlädt. Der ganze Gremienprozess von Betriebsräten ist eher öffentlich-rechtlich-aufgebläht, statt privatrechtlich-schlank.

Am Ende steht eine Einstellung, die jemand möglichst schnell zusagen will, bevor die Kandidatin woanders unterschreibt. Der Betriebsrat wird in der Regel nichts dagegen haben. Trotzdem dauert es eine Woche, weil bürokratischer Prozess daran hängt. Die Vision von clarait formuliert Haase einfach.

„Was nach geltendem Recht automatisch laufen kann, soll auf Knopfdruck ablaufen. Wenn es inhaltliche Sachen gibt, über die man sich streiten kann, sollen sich die Gremien darüber auseinandersetzen. Aber womit keiner Zeit und kein Geld verschwenden soll, ist das Herumschicken von E-Mails und das Pflegen von Beschlussarchiven.“

— Thilo Haase, Mitgründer clarait

Das Damoklesschwert der Beschlussunwirksamkeit

Ein Beispiel von Haase macht das Problem greifbar. In einem 25-köpfigen Gremium, das alle zwei Wochen tagt, sei man selten vollzählig. Fünf Personen fehlen aus verschiedenen Gründen. Anders als in einem gewöhnlichen zivilrechtlichen Gremium reiche es dann nicht, kurz die Beschlussfähigkeit zu prüfen und weiterzumachen. Für jedes verhinderte Betriebsratsmitglied muss zwingend ein Ersatzmitglied nachgeladen werden. Und zwar nicht irgendein Ersatz, sondern entlang des Listenproporzes aus der Wahl, unter Beachtung des Minderheitengeschlechts. Ein bisschen wie im Bundestag, so Haase, wenn jemand längerfristig ausfällt und jemand aus derselben Partei nachrückt.

Die Rechtsfolge bei Fehlern ist drastisch. Ist das Gremium nicht richtig zusammengesetzt, dann sind alle Beschlüsse der Sitzung unwirksam. Die meisten Gremien behelfen sich heute mit selbstgebauten Excel-Tabellen, die die Logik abbilden sollen, oder schätzen die Reihenfolge Pi mal Daumen. Das Damoklesschwert unwirksamer Beschlüsse hängt über jeder Einladung.

Zwei Produkte, eine Plattform

Clarait baut keine weitere HR-Suite, sondern eine Plattform für digitale Mitbestimmung mit drei Produktlinien. BRbase ist die Software für Betriebsräte. HRflows richtet sich an die HR-Abteilungen, die mit diesen Gremien zusammenarbeiten müssen. PRbase ist das Pendant zu BRbase für den öffentlichen Sektor. Technologisch liegt alles unter einem Dach.

Betriebsräte wollen ein Werkzeug, das ihre Sprache spricht und nicht wie eine generische Gremienmanagement-Software wirkt, erklärt Haase. Ein Produkt mit „BR” im Namen sei für die HR-Abteilung wiederum keines, auf dem sie sich wohlfühlen würde. Beide Seiten seien Betriebspartner, aber auch Counterparts. Sie teilen Informationen nur in den gesetzlich umrissenen Fällen, verhandeln über Betriebsvereinbarungen und müssen ihre Unabhängigkeit wahren. HRflows rückt bei clarait aktuell in den Vordergrund und stärkt damit das HR-Tech-Profil des Unternehmens. Den vollen Mehrwert entfalten die Produkte dabei gemeinsam als integriertes Ökosystem.

In die Lücke der großen Anbieter

SAP, Workday, Oracle, Personio, Sage – an diesen Namen will clarait nicht vorbei, betont Haase, sondern in die Lücken, die sie lassen. Die Zielkunden sind Konzerne und Großunternehmen ab 1.500 Mitarbeitenden, idealerweise mit mehreren Standorten. Alle hätten das Mitbestimmungsthema. Alle nutzten seit Jahren die großen Suiten. Alle bekämen das Thema Betriebsrat nicht sauber integriert. An der Stelle, an der das unabhängige Gremium beginnt, stoppt jede noch so teuer entwickelte Inhouse-Lösung.

Es gebe Konzerne, die intern sehr viel Geld in eigene Tools investiert hätten. Die Lösungen reichten zwar mit einem Arm auch in die Probleme der Betriebsräte hinein, akzeptiert würden sie von ihnen trotzdem nicht. Tools, die vom Arbeitgeber entwickelt wurden, genießen nicht das Vertrauen der Betriebsräte, kommen von der anderen Seite und lösen die eigenen Probleme der Gremien nicht. clarait komme neutral von außen und habe sich einen Namen gemacht – gerade auf der Arbeitnehmerseite. Mittlerweile pushen die Betriebsräte die Digitalisierung teilweise selbst Richtung HR. Dort, wo die Personalabteilungen sich zuvor die Zähne ausgebissen hatten, weil sie den Change-Prozess nicht allein stemmen konnten, reißt die Software die andere Seite mit.

KI mit Vertrauen

KI spielt bei der Produktentwicklung bereits eine Rolle, wie in jeder Softwarefirma. Auch in BRbase soll sie Einzug halten. Die Betriebsräte vertrauen clarait ihre Dokumente an – extrem sensible Inhalte, bei denen Gremien zu Recht zögerten, einen Copilot darüber laufen zu lassen, so Haase. Der Pain bleibe trotzdem. Er beschreibt ein Szenario. Ein Vorsitzender eines 35-köpfigen Gremiums will einen neuen Tagesordnungspunkt ansetzen, etwa zu einem Thema rund um den Bau einer neuen Werkshalle. Das Thema hat eine Historie, die mehrere Jahre zurückreicht, mit zig Beschlüssen und Diskussionspunkten dazwischen. Allein sich wieder hineinzudenken, kostet Stunden. Die geplante KI-Funktion greift genau hier. Der Nutzer beginnt, den TOP zu schreiben, tippt „Bau neue Werkshalle” und bekommt eine Zusammenfassung der Historie angezeigt– außerdem auch einen Vorschlag, was als nächstes sinnvoll beschlossen werden könnte.

Dazu kommt die juristische Recherche. Aktuell bleibe den Gremien nur der Weg über Google, ChatGPT oder einen Rechtsanwalt. Manche Betriebsräte haben vom Arbeitgeber ein Kontingent, um einen bestimmten Anwalt zu konsultieren. Geschaut werde dann meist aber auch von denen nur in den Kommentar. Gemeinsam mit dem Bund-Verlag, dem größten spezialisierten Arbeitsrechtsverlag Deutschlands, will clarait eine Art Fachchat-Funktion anbieten, gespeist aus hochwertigen, urheberrechtlich geschützten Texten. Drafts im Stil eines Legal-AI-Tools wären für diese Nutzergruppe nicht so relevant. Die Anforderung ist eine andere – sie ist eine Rechercheanforderung

“Die Basis ist sehr gut und exklusiv. Die relevanten Partner sind im Boot.

— Thilo Haase, Mitgründer clarait

Wohin in zehn Jahren

Der Anspruch ist klar benannt. DAX-Unternehmen sollen zu den Kunden zählen. Zwei sind es bereits. Diese Großkunden haben extrem hohe Anforderungen, wollen keine Software von der Stange und erwarten maßgeschneiderte Lösungen. Beides lasse sich nach Haases Darstellung ohne ausufernde interne Kosten liefern.

Der Slogan „Simplifying Labour Relations” umreißt den Anspruch. Überall dort, wo Mitbestimmungs- und kollektivarbeitsrechtliche Prozesse laufen – über Betriebsräte, über Tarifverträge und Gewerkschaften, über Mitarbeiterkommunikation und Case Management – soll clarait der erste Gedanke sein. Clarait verfolgt eine klare Langzeitvision. In einem Markt, der zunehmend von globalen HR-Suites geprägt wird, positioniert sich clarait als attraktiver Partner für führende Anbieter wie Oracle, Workday oder vergleichbare Platzhirsche. Wer clarait gewinnt, gewinnt den direkten Zugang zu etablierten Konzernkunden im DACH- und EU-Raum. Ein Szenario, das angesichts der aktiven Konsolidierungsstrategie großer Player wie SAP nicht nur denkbar, sondern realistisch ist.

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