Learning by Doing: Wie gelingt der Berufsstart, wenn KI das Doing übernimmt?

In der dritten Folge von Legal Forward ist Dr. Nadine Lilienthal zu Gast, Gründerin ihrer eigenen Kanzlei legaleap.law mit Fokus auf Legal Playbooks und Head of Legal Expertise and Alliances DACH bei DiliTrust. Ihr Weg führte über Allen & Overy, Brüssel und die Leitung der Rechtsabteilung bei GetYourGuide an die Schnittstelle von Recht und Technologie. Im Zentrum steht eine Frage, die das juristische Lernen grundsätzlich berührt: Wenn Jura traditionell durch Learning by Doing funktioniert, was passiert, wenn die KI das Doing übernimmt?

Dieser Artikel begleitet Folge 003 von Legal Forward.

Die Rechtsabteilung als Ort neuer Wertschöpfung

Lilienthal beobachtet zwei gegenläufige Bewegungen. Einerseits wandern Aufgaben ab, die früher selbstverständlich bei Anwältinnen und Anwälten landeten, etwa Datenschutzerklärungen oder erste Entwürfe interner Guidelines. Andererseits entstehen Aufgaben, die ohne KI schlicht nicht zu bewältigen wären: Wird etwa die Straße von Hormus gesperrt, kann eine Rechtsabteilung heute hunderte Verträge in kurzer Zeit daraufhin auswerten, welche Kunden bei Lieferverzögerungen zuerst bedient werden müssen. Früher hätte das Wochen gedauert und bei einer Großkanzlei sechsstellige Kosten verursacht. Für General Counsel eröffnet das die Chance, der Geschäftsführung vorausschauend strategischen Mehrwert zu liefern.

„Wir wollen ja eigentlich nicht wissen, wo wir im Grunde überflüssig sind, sondern auch, wo es uns braucht.” — Dr. Nadine Lilienthal

Wo die Ausbildung an der Berufsrealität vorbeiführt

Die Lücke zwischen Studium und Praxis hat Lilienthal in Etappen erlebt. In der Großkanzlei wurde ihr noch vieles abgenommen, in der Selbstständigkeit fehlte praktisches Wissen, etwa zu RVG-Rechnungen oder Personalfragen. Am deutlichsten wurde es jedoch inhouse: Das im Studium geprägte Denken in richtig und falsch stieß im Unternehmen auf eine vielschichtigere Wirklichkeit. Bei der Einführung der DSGVO erklärten ihr die IT-Kollegen, dass das System über hundertmal pro Minute angegriffen werde, eine Meldung pro Angriff also kaum praktikabel sei. Recht muss dort praktisch ausgelegt und gegen kommerzielle Interessen abgewogen werden, ohne die wichtigsten roten Linien aufzugeben.

„Das, was im Gesetz steht, weicht irgendwie davon ab, wie es in der Realität ist.” — Dr. Nadine Lilienthal

Kleine Einheit, großer Ausschnitt

Wie lässt sich diese Erfahrung schon im Studium sammeln? Lilienthal rät zu Werkstudententätigkeiten in Start-ups oder kleineren Unternehmen statt in großen Einheiten. Der Prestigevorteil großer Namen gehe oft mit einem kleinen Ausschnitt einher, während man in kleineren Einheiten an IP-Recht, Kartellrecht, Due Diligence und Legal Operations zugleich mitarbeiten könne. Eine ihrer Werkstudentinnen baute gemeinsam mit der IT die Digitalisierung eines Teilprozesses auf und verantwortete das Projekt selbst. Ob solcher Spielraum besteht, sei allerdings auch eine Frage der jeweiligen Vorgesetzten, und genau das lohne sich vorab zu prüfen.

Verifizieren statt durchwinken

Lilienthal hat auch bei Nachwuchsjuristen einen eher unbedarften Umgang mit KI beobachtet, gerade weil das Thema an den Universitäten kaum systematisch unterrichtet wird. Entscheidend sei die Bereitschaft, jede Angabe zu prüfen: Steht die zitierte Norm wirklich im Gesetz, und steht sie in genau diesem Satz? Damit knüpft die Folge an Anisja Porschke aus Folge 002 an, die ebenfalls vor dem Sog des schnellen Weiterklickens gewarnt hatte. Lilienthal ergänzt eine subtilere Gefahr: KI glättet ungewöhnliche Gedanken und filtert neue Ideen aus Texten heraus. Ihr Gegenmittel sind möglichst neutral formulierte Anfragen, die keine gewünschte Richtung vorgeben.

„Heute hat man ja umgekehrt das Problem. Man wird total zugeworfen mit Informationen. […] Wir müssen irgendwie lernen zu filtern.” — Dr. Nadine Lilienthal

Wie man sich im Bewerbungsprozess abhebt

Aus Arbeitgebersicht rät Lilienthal zunächst zu formaler Sorgfalt, denn kaum eine Branche sei so anspruchsvoll wie die juristische. KI erleichtert das, darf die Unterlagen aber nicht austauschbar klingen lassen. Positiv aufgefallen sind ihr Bewerberinnen und Bewerber, die zusätzlich eine persönliche Nachricht über LinkedIn schickten oder zwei, drei Projekte herausgriffen und genauer beschrieben, was sie selbst beigetragen haben. Echtes Interesse und eigene Initiative könnten in manchen Fällen mehr wiegen als die Note. Den angespannteren Arbeitsmarkt führt sie auf ein Zusammenspiel aus wegfallenden Massenaufgaben, beginnendem Preisdruck und gedämpfter Konjunktur zurück, rät aber, sich davon nicht lähmen zu lassen.

„Am Ende braucht man ja auch selber nicht 100 Stellen, sondern man braucht halt nur die eine, die dann auch möglichst gut zu einem passt.” — Dr. Nadine Lilienthal

Zum Abschluss gibt Lilienthal einen Tipp für den Berufsalltag mit: die eigene juristische Lösung von der KI so aufbereiten lassen, dass KI dabei unterstützt eine bestimmte Perspektive – etwa die des Leiters Vertrieb oder des CFOs einzunehmen und so die für ihn relevanten Punkte verstehen. Wer heute noch einmal nach dem Referendariat anfangen könnte, würde nach ihrer Einschätzung in eine bessere Zeit starten als sie selbst: Sie würde an die Schnittstellen von Legal Tech, Legal Innovation und Legal Operations gehen, sich tief einarbeiten und das vertiefen, was sie besonders begeistert.


Legal Forward ist der Podcast des Legal Tech Blog.
Hosts: Claudia Jandek und Jason Lau-Christen
Folge 003: Learning by Doing: Wie gelingt der Berufsstart, wenn KI das Doing übernimmt?
Gast: Dr. Nadine Lilienthal, Gründerin LegalLib, Head of Legal Expertise and Alliances DACH, DiliTrust
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