In der zweiten Folge von Legal Forward treffen Dr. Florian Skupin, Executive Director Legal Tech an der Bucerius Law School, und Anisja Porschke, Mitgründerin des AI Clubs, aufeinander, um eine Frage zu beantworten, auf die noch niemand die fertige Antwort hat: Wie bildet man eine Generation aus, die am ersten Arbeitstag bereits Zugriff auf KI-Tools hat?
Dieser Artikel begleitet Folge 002 von Legal Forward.
Der Hackathon als Vorbereitung auf die neue Arbeitsrealität
Florian Skupin organisiert an der Bucerius Law School den Hamburg Legal Hackathon, bei dem Studierende an einem Wochenende Prototypen zu einer vorgegebenen Fragestellung bauen — in der jüngsten Ausgabe unter dem Motto „Legal AI Buddies”. 85 Studierende, ein Drittel Techies, zwei Drittel Juristinnen und Juristen und ein enger Zeitplan: Was dabei entsteht, ist weniger das fertige Produkt als die Erfahrung selbst: Pitchen vor Publikum, Prototyping statt endlosem Überlegen, interdisziplinäre Zusammenarbeit unter Zeitdruck. Auf spielerische Art und Weise begegnet der Hackathon damit einer ernstzunehmenden Herausforderung, denn laut eines Studie des Bucerius Legal Innovation Hub fühlen sich 88 % der befragten Jurastudierenden deutschlandweit auf Technologie- und KI-Kompetenz eher schlecht bis sehr schlecht vorbereitet.
„Ich glaube, dass das Problem von Juristen ist: einfach mal machen. Sich überlegen, was gibt es zu verlieren. Wenn es wirklich richtig schlecht läuft, dann seid ihr nicht auf dem Treppchen von dem Hackathon. Dann habt ihr ein tolles Wochenende, habt viele neue Kontakte, hoffentlich gutes Essen.” — Dr. Florian Skupin
Was ins Curriculum gehört — und was nicht
Skupin plädiert für ein verpflichtendes Grundlagenmodul zu Technologie- und KI-Kompetenz im ersten Studienjahr, wie es an der Bucerius Law School bereits existiert. Was dagegen unbedingt bleiben muss, ist die klassische Methodenkompetenz: Auslegungsmethoden, kreative Lösungsfindung, das Handwerk, das eine KI-Antwort erst einordnen lässt. Denn Mandantinnen und Mandanten wollen einen trusted advisor — und wer das ist, entscheidet sich selten an der reinen Aktenlage.
Anisja Porschke ergänzt aus der Tool-Perspektive: Studierende brauchen nicht zwingend ein juristisches KI-Tool. Für die klassische Recherche im Studium reichen oft allgemeine KI-Anwendungen, und viele Anbieter kommen Studierenden ohnehin mit kostenfreien Zugängen oder Uni-Kooperationen entgegen. Auf die Frage, ob der Einsatz spezialisierter Tools wie Beck-Noxtua sinnvoll ist, führt Porschke aus, dass dies zwar bei Hausarbeiten zu einer spürbaren Entlastung führen würde — allerdings auch nur dann sinnvoll ist, wenn die KI-Antwort nicht unreflektiert übernommen wird, sondern stets eine umfassende Quellenprüfung erfolgt und die Inhalte verlässlich hinterfragt werden.
„Ich muss KI-Kompetenzen aufbauen, kritisch hinterfragen und muss aber immer noch verstehen, wie ich das als Juristin löse, denn nur so kann ich ja kritisch hinterfragen.” — Anisja Porschke
Die eigentliche Prüfung bleibt analog
So sehr sich der Arbeitsalltag verändert, bleibt eine Konstante bestehen: das Staatsexamen. Skupin erinnert daran, dass niemand die eigene Klausur an eine KI delegieren kann und Notenanforderungen von Kanzleien deshalb nicht verschwinden, nur weil KI-Kompetenz dazukommt. Porschke weist daraufhin, dass klassische Rechercheaufgaben in einer Kanzlei, wie sie alle vier Gesprächspartner noch selbst durchlaufen haben, es in dieser Form kaum mehr so geben wird. Das Studium bilde damit teils an der Praxis vorbei aus — was aber kein Kampf ist, den Studierende austragen können, sondern eine Systemfrage.
Kanzleien zwischen Sorge und Strategie
Wie Kanzleien mit dem Nachwuchs umgehen, ist laut Porschke ein breites Spektrum: von Häusern, die Berufseinsteiger komplett von KI-Tools fernhalten, bis zu solchen, die junge Kollegen sofort in KI-Taskforces einbinden. Skupin sieht den Rechtsmarkt an einem strukturellen Bruchpunkt: Das klassische Modell, in dem First-Year Associates ihr Training on the Job über die Stundenabrechnung beim Mandanten querfinanzieren, gerät unter Druck, sobald Mandanten selbst nach schlankeren Teams verlangen. Vereinzelte Kanzleien reagieren mit strukturierten Onboarding-Programmen oder verlagern die Tool-Einführung bereits ins Referendariat — mit dem Nebeneffekt, dass sich der Nachwuchs früher an das Haus bindet. Die breite Masse tut das laut Porschke noch nicht, weil viele zunächst mit der Befähigung der bestehenden Belegschaft beschäftigt sind.
„Auf einmal stellt sich die Frage: Wie bilde ich denn jetzt eigentlich meinen Nachwuchs aus? Da müssen, glaube ich, Kanzleien ganz, ganz stark umdenken.” — Dr. Florian Skupin
Wie man sich abhebt, wenn ein KI-Zertifikat nicht mehr reicht
Für angehende Bewerber wird laut beiden Gästen weniger das einzelne Zertifikat entscheidend als Konsistenz: eine über Jahre aktiv betriebene Legal-Tech-Initiative wiegt mehr als ein halbes Jahr passive Mitgliedschaft kurz vor Studienabschluss. Skupin empfiehlt zusätzlich sichtbares Engagement — etwa regelmäßige LinkedIn-Beiträge oder eigene kleine KI-Agenten, gebaut für wenige Euro im Monat. Porschke rät, auch abseits der sechs großen Namen zu suchen: Legal-Tech-Start-ups böten oft Praktika und eine andere Perspektive auf den Rechtsmarkt.
Zum Abschluss geben beide drei bis vier konkrete Regeln für den Umgang mit KI-Tools im Arbeitsalltag mit: Zeit in die Grundeinstellung investieren, jeden Output validieren und auf nachvollziehbare Quellen achten, Ergebnisse in wiederverwendbare Vorlagen überführen — und, so ergänzt Skupin, den eigenen „Mission Bias” im Blick behalten: Eine KI-Antwort verrät selten, welche Standardquellen sie stillschweigend ausgelassen hat.
„Das dürfen wir nicht verlieren, dieses kritische Hinterfragen. Und ich finde, das ist wirklich gerade auch noch ein Produktfehler, dass es nicht so leicht ist, sich nochmal das Ergebnis in Ruhe anzuschauen.” — Anisja Porschke
Auf die Frage, was sie selbst heute noch einmal so machen würden, antworten beide fast gleichlautend: genau das, was sie gerade tun. Ihr gemeinsamer Rat an die eigene Studienzeit lautet weniger strategisch als intrinsisch — neugierig bleiben, ausprobieren, und das tun, was tatsächlich Spaß macht.
Legal Forward ist der Podcast des Legal Tech Blog.
Hosts: Claudia Jandek und Jason Lau-Christen
Folge 002: Wer bringt der KI-Generation das Fragenstellen bei? Ein Gespräch zwischen Uni und Kanzleipraxis
Gäste: Dr. Florian Skupin, Executive Director Legal Tech, Bucerius Law School; Anisja Porschke, Mitgründerin, AI Legal Club
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