In der ersten Folge von Legal Forward spricht Benedikt Flöter, Equity Partner bei YPOG, darüber, wie eine Kanzlei beginnt, sich selbst als Betriebssystem zu verstehen, und warum juristische Urteilsfähigkeit in der KI-Welle nicht weniger, sondern mehr wert wird.
Dieser Artikel begleitet Folge 001 von Legal Forward.
Effizienz ist erst der Anfang
YPOG hat intern früh begonnen, KI-Projekte parallel zu starten, statt auf einen bewährten Ansatz zu warten. Einige dieser Projekte haben Beratungsprozesse um bis zu 50 Prozent effizienter gemacht. Was Benedikt Flöter besonders beschäftigt, ist die Folgefrage: Wie teilt man diese Effizienz mit dem Mandanten, und was bleibt dabei als Wert beim Anwalt? Die Antwort ist keine technische, sondern eine unternehmerische. YPOG hat sich für gemischte Teams entschieden, in denen juristische und technische Expertise direkt zusammenarbeiten, weil die Übersetzung juristischer Arbeitsprozesse in technische Lösungen am besten von innen heraus funktioniert.
„Man muss auf der einen Seite verstehen, wie die Tech-Kolleginnen denken. Und auf der anderen Seite natürlich auch, wie die Juristen denken. Man ist über die Jahre sehr auf seine eigene Sichtweise festgefahren. Aus dieser schematischen Betrachtung rauszukommen, muss man Think Outside the Box ernst nehmen.” — Benedikt Flöter
KI als Betriebssystem, nicht als Werkzeug
Die Frage, die sich wie ein roter Faden durch das Gespräch zieht, ist nicht, ob KI einzelne Aufgaben übernehmen kann, sondern ob sie als durchgehende Schicht durch eine Kanzlei verläuft. Jason beschreibt diesen Unterschied präzise: Ein Werkzeug liefert 20 % Effizienz in einem Workflow. Ein Betriebssystem ist die Grundschicht, durch die alle Prozesse laufen. Freshfields hat im April eine direkte Partnerschaft mit Anthropic bekannt gegeben, 5.700 Mitarbeiter, 33 Büros, Claude in jedem Workflow. Die horizontalen Modellanbieter werden vertikal. Was sich dagegen nicht kaufen lässt, sind die eigenen Playbooks und die Kanzleilogik dahinter. Die muss man selbst bauen, und das braucht Zeit, die nicht alle haben.
„Der Zugang zu den Modellen, den kann man sich kaufen. Die Kanzleilogik, die Skills, die Playbooks, die muss man aber selbst bauen. Und das ist eben der Punkt, an dem es interessant wird.” — Jason Lau-Christen
Promotion in der KI-Welle: Ausdauer als Argument
Benedikt Flöter hat über wettbewerbsrechtlichen Schutz von Investitionen promoviert. Auf die Frage, ob eine Promotion heute an Wert gewinnt, weil sie auf engem Raum und über Jahre hinweg nachweisbare Urteilsfähigkeit trainiert, antwortet er differenziert. Er würde es wieder machen. Aber er warnt: Wer sich jetzt für zwei Jahre aus dem Tagesgeschäft zurückzieht, verpasst gerade sehr viel. Was bleibt, ist das Strukturargument: Eine Promotion zeigt, dass jemand ein breites Brett auf den Tisch legen und fertigstellen kann. Und sie trainiert genau das, was KI noch nicht kann: methodisches Urteilen unter Unsicherheit.
„Wenn materielles Wissen aus der KI kommt, dann wird das methodische Verständnis viel relevanter. Und bis die Methodik oder auch ein Gerechtigkeitsempfinden von der KI angewendet werden kann, dauert es, glaube ich, länger.” — Benedikt Flöter
Das Gespräch endet nicht mit einem Fazit, sondern mit einer offenen Frage: Wer wird in zehn Jahren die Kanzlei von morgen gebaut haben? Diejenigen, die das Recht verstehen, oder diejenigen, die die Infrastruktur bauen? Benedikts Antwort deutet an, dass die Frage falsch gestellt ist. Man braucht beides, und man braucht es gleichzeitig.
Legal Forward ist der Podcast des Legal Tech Blog.
Hosts: Claudia Jandek und Jason Lau-Christen
Folge 001: Die Kanzlei als Betriebssystem: Was Nachwuchsjuristen von YPOG lernen können
Gast: Dr. Benedikt Flöter, Equity Partner, YPOG
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