Im Zweifel bin ich mehr Techniker als Anwalt

Ein Gespräch mit Kilian Springer über Legal Tech, KI-Kanzleien und die Zukunft des Anwaltsberufs.

Kilian Springer hat eine Kanzlei gegründet, bevor der Begriff Legal Tech in Deutschland geläufig war, eine Domain für KI-Rechtslösungen registriert, als es dafür noch keinen Markt gab, und ein Buch über KI in der Praxis mitgeschrieben. Ausgezeichnet wurde er unter anderem als eine der digitalsten Gründungen seiner Zeit. Heute verantwortet er bei einem Leipziger Unternehmen den Bereich KI. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, warum er sich vor allem als Techniker versteht, wie eine Kanzlei mit KI-Agenten aussehen könnte und weshalb er beim Blick auf den eigenen Berufsstand zwischen Bewunderung und Ungeduld schwankt.

Von moderner Kanzlei zu Legal Tech

Als Kilian 2015 mit Mitstreitern seine eigene Kanzlei gründete, dachte niemand in der Kategorie Legal Tech. Den Begriff kannte er selbst nicht einmal. Ein Praktikant, der heute in dem Feld arbeitet, habe ihnen irgendwann erklärt, dass das, was sie täten, einen Namen habe. Fintechs seien ihm damals ein Begriff gewesen, Legal Tech nicht.

Papierlos war die Kanzlei von Anfang an. Zum Teil zwangen die Räumlichkeiten dazu, vor allem aber habe er nie verstanden, warum man überhaupt auf Papier arbeiten sollte. „Warum soll ich gerade jetzt Papierakten nehmen?” Das habe für ihn schlicht keinen Sinn ergeben. Was fehlte, baute das Team selbst: eine eigene Cloud, die Website, Formulare, die Daten automatisch übernahmen, dazu erste Versuche, Verträge und Vorlagen automatisiert zu befüllen. Für Kilian war das der naheliegende Weg um eine Kanzlei aufzubauen und wirklich effizient zu arbeiten. Erst als eine andere Kanzlei das als „Produkt” bezeichnete, sei ihm aufgefallen, dass daran etwas Besonderes sein sollte.

Diese Rückschau zieht sich durch sein Berufsleben. Immer wieder habe er gedacht, seine damalige Kanzlei mache eigentlich nichts Besonderes und hat dann festgestellt, wie weit sie tatsächlich schon waren. Sich selbst nach außen groß zu machen, liege ihm bis heute wenig. Er sei gut im Machen, sagt er über sich selbst, weniger im Publikmachen

Ich dachte, das wäre einfach nur logisch, es so zu tun.“

— Kilian Springer

Das eigentliche Bottleneck

Würde er heute noch einmal gründen, wäre die Kanzlei stark von KI geprägt. Ob er dann überhaupt mit jemandem zusammen gründen würde, wisse er nicht, vielleicht vor allem, um das Netzwerk zu stärken. Einige Zwischenstationen im Ablauf ließen sich einsparen. Einen Überblick brauche man trotzdem. Genau dort liege auch der Kern seiner Überlegung. KI verändere immer dann etwas, wenn man selbst zum Engpass werde. Hundert KI-Lösungen im Hintergrund nützten wenig, wenn er nichts davon wahrnehme, sehe oder verarbeiten könne. Planung werde damit wichtiger als Ausführung.

Sein Bild einer KI-Kanzlei ist konkret. Die eigentliche Arbeit laufe im Hintergrund, und der Anwalt kümmere sich um die Mandanten. Was man vor Jahren mühsam mit einfachen Chatbots zusammengesteckt habe, lasse sich heute weitgehend an die KI übergeben. Das hält er für ein reizvolles Gedankenexperiment, an dem er ohnehin ständig arbeite.

Wie Word statt Handschrift

Oft hört man, dass mit KI erstellte Dokumente keine echte anwaltliche Leistung mehr seien. Diesen Einwand hält Kilian für wenig überzeugend. Auch in einer Großkanzlei setze am Ende irgendwer (in der Regel ein Associate) den ersten Entwurf auf, den ein Partner abnehme und mit seiner Beurteilung versehe. Mandanten zahlten für genau diese Beurteilung, nicht für das Tippen. Er gebe den Prozess vor, das Ergebnis entstehe so, wie er es sich vorgestellt habe, und die letzten zehn Prozent löse er selbst. Darin sieht er keinen Unterschied zur bisherigen Kanzleiarbeit.

Der Vergleich hinke ohnehin, so Kilian. Es sei, als würde man einwenden, ein Schriftsatz sei nicht von Hand geschrieben, sondern mit Word. Auch dann habe man keinen einzelnen Buchstaben physisch gesetzt. Dass nicht für die Zeit, sondern das Ergebnis bezahlt wird, kennt auch der Rechtsmarkt schon lange. Value Based Pricing gebe es im Grunde längst, nämlich über das RVG. Fehle noch ein Zusatzfaktor, mit dem sich eine besonders hochwertige Kanzlei abbilden lasse, wäre auch dieser Gedanke rasch eingelöst.

Die Mandanten zahlen für meine Beurteilung, nicht dafür, dass jemand die Tasten drückt.

— Kilian Springer

Von unterschiedlichen Denkrichtungen

Ein Anwalt einer Großkanzlei fragte vor kurzer Zeit, was ein „Legal Tech Experte sei“. Er unterscheidet dabei zwischen Process Thinkern, die fragen, wie sich etwas technisch umsetzen lässt, und Outcome Thinkern, die vom Ergebnis für Mandant und Kanzlei her denken. Kilian kann dieser Einteilung wenig abgewinnen. Einen guten Prozess entwerfe man immer nur, wenn man vom Ende her denke, sagt er. Er selbst würde aber diesen Kategorien noch eine dritte Gruppe zuordnen, zu der er sich auch selbst zählt. Er sei eher Systemdenker, was ihm gleichermaßen helfe und im Weg stehe.

Ein Prozessdenker greife sich einen einzelnen Ablauf heraus, etwa die Bearbeitung von E-Mails, und verbessere ihn Schritt für Schritt. Er komme schnell voran und bleibe im laufenden Prozess. Er selbst als Systemdenker wolle zunächst ein System schaffen, das für möglichst alle Abläufe funktioniere. Der Preis dafür sei Zeit. Im schlechtesten Fall arbeite man so lange am System, bis es von der Entwicklung längst überholt ist.

Genau das ist ihm passiert. Bei seinem Arbeitgeber habe er ein Agenten-Harness gebaut, mit dem sich Aufgaben in Slack erledigen ließen, und das System bereits fertig gehabt. Eine Woche später habe ein großer KI-Anbieter etwas architektonisch sehr Ähnliches veröffentlicht, deutlich ausgereifter. Hätte er sich zunächst nur auf einzelne Abläufe konzentriert und diese später zu einem System verdichtet, wäre ihm das erspart geblieben. Ein großes Learning, sagt Kilian, das er als Regel für künftige Projekte mitnehme: mehr in Prozessen denken, weniger im System.

Meine große Schwäche ist, zu schnell ins System zu rennen.

— Kilian Springer

Nicht nur bis zur nächsten Rechnung denken

Strategisches Denken sei ohne ein Verständnis von Prozessen und Systemen kaum möglich, sagt Kilian. Das eigentliche Ziel eines Unternehmens sei am Ende meist schlicht mehr Umsatz, auch wenn man das gern anders darstelle. Entscheidend sei die Frage, mit welchen Mitteln man dorthin komme und viele Kanzleien blieben hier stehen. Wer sich zufriedenere Mandanten wünsche, aber nur an eine höhere Rechnung denke, habe im Grunde nichts verändert.

Die Annahme, Anwälte dächten besonders ergebnis- und führungsorientiert, sieht er kritisch. Sein Eindruck sei, dass die meisten nie gelernt hätten, ein Unternehmen zu führen und haben Management nebenbei erledigten. Die Qualifikation zum Partner sei selten gute Führung, sondern die Fähigkeit, Geld zu verdienen. Anwälte arbeiteten häufig für sich selbst, würden aber nicht als Unternehmen geführt. Der Berufsstand habe sich zudem über Jahre gut gegen Veränderung von außen abgesichert. Gegen die Digitalisierung als solche habe das eine Weile funktioniert, gegenüber KI werde es schwerer.

Ob am Ende eine Verdrängung der großen Kanzleien stehe, will Kilian nicht behaupten. Ausgelagert werde vor allem dort, wo man nicht zu sehr haften wolle, und daran werde sich wenig ändern.

Vom Herzen her Ingenieur

Als klassischen Anwalt habe er sich nie gesehen, sagt Kilian, und so habe ihn auch kaum jemand wahrgenommen. Am liebsten habe er als Anwalt Verträge gebaut, Mechaniken durchdacht, Dinge konstruiert. Er nennt sich einen Vertragsingenieur. Vom Herzen her sei er Ingenieur und noch lieber als Verträge baue er Software, KI-Anwendungen und Lösungen. Im Zweifel sei er inzwischen mehr Techniker als Anwalt. Auf dem Papier bleibe er Anwalt, und er habe lange gebraucht, das für sich anzunehmen. In der klassischen Anwaltswelt bewege er sich wenig, in der Legal-Tech-Szene dagegen viel. Auch da hier ebenfalls zahlreiche Juristen unterwegs seien.

Kein Missionar, nur begeistert

Neben seiner eigentlichen juristischen Tätigkeit gibt Kilian regelmäßig Workshops und Einblicke in seine Arbeit auf Events und für andere Berufsträger. Einen klassischen Business Case verfolge er mit seinen Workshops nicht, sagt Kilian. Beim Legal Tech Verband habe er zuletzt vor rund hundert Leuten gesprochen, er trete auch bei Marketingveranstaltungen auf. Was ihn antreibe, sei vor allem die Freude an der Sache. Er sei begeistert wie ein Kind, wenn er zeigen könne, was möglich ist und freue sich, wenn andere es ebenfalls spannend fänden. Aus jeder Session nimmt er schließlich selbst etwas mit.

Ein Missionar sei er dabei nicht. Wer erfolgreich auf seine Weise arbeite, habe seine Gründe, und niemandem wolle er vorschreiben, wie zu arbeiten sei. Er biete eine Lösung an und zeige, wie es auch gehen könnte. Wer lieber bei ChatGPT bleibt statt bei Legal-Agenten, dem zeige er eben, wie sich ChatGPT nutzen lässt. Doch es gibt auch die Berufsträger, die beides nicht wollen. Dass deutsche Anwälte technisch zurückhaltend seien, führt er auf ein größeres Muster zurück. In jedem Land verkörperten Anwälte gewissermaßen die konservative Zuspitzung des jeweiligen Klischees. In Deutschland treffe das auf einen ohnehin wenig digitalen Ruf. Einen Vorwurf macht er daraus nicht. Der Beruf sei komplex und anspruchsvoll und Jura möge er selbst.

Die Pferdekutsche kommt nicht wieder

Dass KI die Rechtsberatung verändert, hält Kilian für ausgemacht. Er vergleicht es mit dem Elektroauto. Man könne die besten Verbrenner bauen und die schönsten Pferdekutschen der Welt, es komme trotzdem niemand mehr. Über den Zeitpunkt lasse sich streiten, über die Richtung nicht. Irgendwann werde jemand, vielleicht im Ausland, eine KI so weit auf das deutsche Recht trainieren, dass er Beratung sehr günstig anbieten könne, ohne an dieselben Vorgaben gebunden zu sein. Es sei eine Frage der Zeit, bis ein erheblicher Teil der Rechtsberatung auf diesem Weg erbracht werde. Altruistisch sei sein Engagement dabei nicht, fügt er offen hinzu. Wenn ihn jemand für KI-Beratung bezahle, sage er nicht Nein.

Mehrwert oder nur dazwischengeschoben

Zwischen Legal-Tech-Angeboten unterscheidet Kilian deutlich. Mehrwert biete, wer ein echtes Problem besser löse als zuvor. Als Beispiel nennt er ein Vertragsmanagement-Tool aus Österreich, das sein Team anfangs genutzt und das alle überzeugt habe. Ebenso Angebote, die Menschen zu ihrem Recht verhelfen und damit etwas geschaffen hätten, das es vorher nicht gab. Solche Lösungen nähmen niemandem etwas weg.

Kritischer sieht er Plattformen, die sich vor allem über Marketing dazwischenschieben. Sein Vergleich ist der Wettlauf um Sichtbarkeit in Suchmaschinen. Wer die vorderen Plätze besetze, bringe kleinere Anbieter faktisch in die Lage, sich einkaufen zu müssen, weil sie sonst kaum noch gefunden würden. Ein einzelner Anwalt könne gegen diese Marktmacht wenig ausrichten, und das eigentliche Problem sei, dass er sich kaum noch frei dagegen entscheiden könne. Automatisierte Mandantenannahme etwa zählt er zu den Diensten mit eher begrenztem Nutzen für Anbieter, da sie sich perspektivisch leicht selbst abbilden lassen.

Auch beim Thema Alleinstellung ist er nüchtern. Ein echtes Alleinstellungsmerkmal habe kaum ein reines KI-Unternehmen. Wer eines habe, kontrolliere entweder die Modelle oder die Daten, wie die großen KI-Anbieter oder etablierte Fachverlage. Bei vielen Anwendungen sei das Alleinstellungsmerkmal am Ende die Marke, für die viel Kapital ins Marketing fließe. Das sei legitimes Geschäft.

Kompliziert gemacht

Ein wiederkehrendes Ärgernis sind für Kilian selbstgemachte Komplikationen im Rechtsbetrieb. Das besondere elektronische Anwaltspostfach dient ihm als Beispiel. Eine Signatur in der E-Mail hätte in vielen Fällen genügt, meint er. Wer davon ausgehe, dass E-Mail unsicher sei, müsse sich fragen, wem er überhaupt Zugang zum Postfach gäbe. In der Praxis lägen entsprechende Karten samt Passwort ohnehin oft griffbereit in der Kanzlei herum. Auch der mögliche Schaden werde selten mitgedacht. Werde aus einem Postfach fälschlich etwas versandt, lasse sich das in aller Regel korrigieren. Man mache sich vieles unnötig kompliziert, sagt Kilian, und bleibe dann daran hängen.

Wenn die Romantik im Weg steht

Dass Kanzleien oft prozessorientiert arbeiten, ohne es sich bewusst zu machen, sieht Kilian als Kern vieler Probleme. Klare Abläufe gebe es durchaus, nur würden sie selten aufgeschrieben. In seiner eigenen Kanzlei habe man Workflows dokumentiert, weil es ihm selbstverständlich erschien. Vielen Anwälten falle das schwer, als zerstöre es ein Stück Anwaltsromantik, das Bild vom freiberuflich Schaffenden. Hinzu komme die Sorge, geteiltes Wissen könnten andere nutzen. Diese Zurückhaltung sitze tief und werde sich kaum in wenigen Jahren auflösen, vielleicht erst mit neuen Generationen.

Für deren Gründungen spielt aber auch die Region eine Rolle. In einer Stadt wie Leipzig fließt deutlich weniger Geld als etwa in Berlin. Ohne Heimatbindung würde Kilian daher in Leipzig keine Kanzlei aufmachen. Wobei sich mit der Corona-Pandemie die Vorstellung gelockert habe, der Anwalt müsse am selben Ort sitzen und der Ort daher wirtschaftlich weniger entscheidend sei. In sehr kleinen Städten dürften Kanzleien dennoch seltener werden, ähnlich wie Ärzte auf dem Land, was er als strukturelles Problem beschreibt. KI könnte hier dabei helfen den Rechtszugang weiter aufrecht zu erhalten.

Beim gesellschaftlichen Nutzen wird er nachdenklich. Ein Angebot nach dem Muster erfolgreicher Verbraucherportale ließe sich auch für Bereiche wie das Familienrecht denken. Er selbst sei eher arm aufgewachsen und wisse, wie es sei, sich kaum zum Anwalt zu trauen. Günstigere Leistung in der Breite wäre für die Gesellschaft gut, findet er.

Was auf Knopfdruck noch fehlt

Zum Abschluss bleib die Frage, welches aktuelle Projekt er gern sofort fertigstellen würde. Ein Projekt auf Knopfdruck reizt Kilian aber wenig, der Weg sei das Ziel. Gern fertig hätte er dennoch eines: ein Agenten-System für Anwälte, vergleichbar mit einem Werkzeug fürs Programmieren, nur dass es anwaltliche Aufgaben übernehme. Der Anwalt solle nicht mehr ständig nachfassen müssen, das System arbeite im Loop weitgehend selbst. Testreif sei es noch nicht, Anfragen zum Testen habe er dafür reichlich.

Dass irgendwann jeder solche Systeme selbst baue, glaubt er nicht. Der KI fehle noch ihr iPhone-Moment. Heute müsse man sie mühsam bedienen, ähnlich wie man früher genau wissen musste, wie man Software installiert. Sei dieser Moment erreicht, genüge der Satz „Vertrag prüfen”, und der Rest entstehe im Hintergrund. Bis dahin sei KI-Engineering ein eigenes, komplexes Feld geworden, mit Context Engineering, Datenformaten und der Frage, wie sich ein funktionierendes System überhaupt bauen lässt. Tausende Stunden habe er selbst mit dem Werkzeug verbracht.

Am Ende laufe vieles auf Personalisierung hinaus. Große Einheiten hätten vor allem deshalb Bestand, weil man gemeinsam mehr Schlagkraft habe. Mit leistungsfähiger KI im Rücken brauche es das weniger, und der einzelne Anwalt werde eher gestärkt. Jeder habe eine klare Vorstellung davon, wie sein Ergebnis auszusehen habe. Zwei Anwälte auf gleicher Ebene, erzählt Kilian, mochten oft nicht einmal die Änderungen des jeweils anderen. Genau deshalb würden künftige Lösungen persönlich zugeschnitten sein.

Bei KI geht es um Personalisierung. Ich habe etwas, das genauso arbeitet, wie ich es mir vorstelle.“

— Kilian Springer

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